Wie grüne Graffiti Papageien vom Bombing zum Stadt- gespräch wurden
Grüner Graffiti-Papagei in Köln Ehrenfeld, Copyright: Michael Johne (Cologne Streetart Tours)
Über urbane Zeichen, öffentliche Projektionen und die Kunst, nichts erklären zu müssen
Monatelang waren sie einfach da: Grüne Papageien, gesprüht an Wänden, Brückenpfeilern und Zügen in Köln. Leise gesetzt, ohne Hashtag, ohne Kampagne, ohne erklärenden Kontext. Wahrgenommen vor allem von jenen, die den urbanen Raum lesen können: Writer, Streetart-Affine, Menschen mit einem Gespür für informelle Zeichen.
Irgendwann jedoch veränderte sich die Wahrnehmung. Einzelne Fotos tauchten auf Reddit auf, wurden kommentiert, gedeutet, weitergetragen. Instagram und Facebook griffen sie auf, Reichweitenmechaniken setzten ein. Begriffe wie „kölscher Banksy“ kursierten. Ein reflexhafter Vergleich, der weniger über die Arbeit aussagt als über das Bedürfnis nach schnellen Kategorien. Kurz darauf berichteten auch klassische Medien, ich erhielt eine Einladung zum Gespräch beim WDR3-Kulturradio in der Sendung Resonanzen und kürzliche berichtete auch der Kölner Stadt-Anzeiger. Die Papageien waren endgültig im öffentlichen Diskurs angekommen.
Was zuvor eine Szene-Erzählung war, wurde zur Stadtdiskussion. In dieser Phase habe ich die Crew hinter den Papageien kontaktiert. Nicht, um ein Mysterium aufzulösen, sondern um die Perspektive derjenigen einzubeziehen, die den öffentlichen Raum aktiv bespielen und sonst selten öffentlich erklären, was sie tun. Ein Crew-Mitglied erklärte sich bereit, Einblicke zu geben. Alex (Name geändert) spricht hier stellvertretend. Für das Vertrauen und die Offenheit an dieser Stelle: Herzlichen Dank!
Zwischen Schreiben und Lesen: Graffiti, Street Art und der Blick von außen
Die Diskussion um die Papageien berührt eine alte, immer wieder neu verhandelte Frage: die Trennung zwischen Graffiti und Streetart. Öffentlich wird sie gern sauber gezogen, einerseits das rohe „Geschmiere“, andererseits die künstlerisch akzeptierte Wandarbeit.
Graffiti entsteht aus dem Schreiben: Buchstaben, Namen, Wiederholung, Style, Risiko. Es geht um Präsenz, um Codierung, um eine Kommunikation, die sich primär an die Szene richtet. Graffiti erklärt sich nicht, es existiert.
Streetart nutzt ähnliche Räume, arbeitet jedoch häufiger mit Bildern und Symbolen, die auch ohne Vorwissen funktionieren sollen. Sie ist erzählerischer, oft politischer, manchmal dekorativer und dadurch anschlussfähiger für ein breiteres Publikum.
Die grünen Papageien bewegen sich genau zwischen diesen Polen. Sie sind figurativ, klar lesbar und dennoch ganz tief im Graffiti-Kontext verankert.
Papageien und HipHop Graffiti in einer Kölner Bahnstation, Copyright: Michael Johne (Cologne Streetart Tours)
Die Stadt als Mitspielerin
Das zeigt sich besonders deutlich an der Wahl der Orte. Die Papageien tauchen an prominenten Stellen ebenso auf wie an fast beiläufigen Plätzen. Köln ist hier keine Kulisse, sondern aktiver Bestandteil der Arbeit.
„Im Grunde funktioniert die Spot-Auswahl ähnlich wie wahrscheinlich bei den meisten Graffiti“, erklärt Alex. „Es ist eine Mischung aus Sichtbarkeit tagsüber und dem damit einhergehenden Risiko beim Malen nachts. Man hat natürlich gerne ein schönes Bild an einer Hauptstraße, wo es viele Leute sehen können. Beim Malen erwischt zu werden hilft einem auch nicht weiter.“
Entscheidend sei deshalb nicht nur der Ort, sondern sein Potenzial. „Es macht viel Spaß, die Vögel in Zusammenhang mit ihrer Umwelt zu bringen und einzelne kleine Geschichten zu erzählen, aber dafür muss sich ein Spot auch erst einmal anbieten.“
Köln spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht als austauschbare Großstadt, sondern als konkreter Lebensraum. „Die grünen Papageien gehören einfach zu dieser Stadt“, sagt Alex. „Wie sie durch die Straßen jagen, laut kreischen, alles vollkacken oder jetzt eben auch an den Wänden ihren Platz gefunden haben.“ Veedel, Verkehrsachsen, Rückseiten: Der öffentliche Raum wird benutzt.
Das Original: Halsbandsittich in Köln, Copyright: Michael Johne (Cologne Streetart Tours)
Akzeptanz unter Vorbehalt
Nach außen gilt Köln gern als tolerant, offen und kunstaffin. Im Alltag zeigt sich jedoch ein ambivalenteres Bild. Das Feedback auf die Papageien sei überwiegend positiv, erzählt Alex, sowohl auf der Straße als auch im Internet. Gleichzeitig offenbaren viele Reaktionen alte Muster. „Sätze, die man oft hört, sind sowas wie: ‚Das ist ja wenigstens schön‘ oder ‚Besser als diese Schmierereien‘“, sagt er. „Und das Ding ist halt: Diese Papageien oder andere figürliche Graffiti werden von den Leuten verstanden. Jeder kann etwas damit anfangen, ob er es mag oder nicht.“
Klassische Buchstaben-Graffiti hingegen blieben für viele unsichtbar. „Für sie sind das kryptische Zeichen, sie nehmen sie gar nicht erst wahr.“ Dabei, so Alex, sei der Unterschied letztlich konstruiert. „Am Ende ist beides Sprühfarbe an einer Wand.“
In dieser Lesbarkeit liege auch ein Problem. Köln sei vielleicht nicht ganz so offen, wie es sich selbst erzähle. „Aber Graffiti liegt es auch irgendwie im Blut, anzuecken und von der ‚Allgemeinheit‘ nicht verstanden zu werden“, sagt er. „Es ist nun mal eine Subkultur und ich persönlich finde das gar nicht mal so schlimm.“
Wenn Bilder anfangen, für sich selbst zu sprechen
Spätestens mit der medialen Aufmerksamkeit stellt sich die Frage nach Deutungshoheit. Zwischen Szene, Öffentlichkeit und Stadtmarketing werden urbane Zeichen schnell vereinnahmt, oft ohne Rückbindung an ihre Entstehung.
Alex begegnet dem mit Gelassenheit. „Da die Papageien im öffentlichen Raum stattfinden, ist es nicht kontrollierbar, was die Leute daraus machen“, sagt er. „Man lenkt vielleicht ein bisschen, aber wirklich kontrollieren kann man die Erzählungen nicht.“ Ein Beispiel bleibt ihm besonders präsent: „Auf Reddit kursiert ein Foto von einem Papagei, der einen blauen, herzförmigen Luftballon sprüht. Für manche Leute war damit eindeutig, dass das politische Werbung sein muss.“
Seine Reaktion darauf ist eindeutig. „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Am Ende sind die Papageien einfach das, was Graffiti schon immer war: ein Bild an einer Wand. Was man darin sieht, sagt oft mehr über einen selbst als über das Bild.“
Papageien-Graffito auf einem Carsharing-Transporter in Köln, Copyright: Michael Johne (Cologne Streetart Tours)
Mehr als ein Motiv
Die grünen Papageien sind m.E. kein abgeschlossenes Werk, sondern Teil eines fortlaufenden Aushandlungsprozesses zwischen Szene, Stadt und Öffentlichkeit. Wer genauer hinschaut, erkennt mehr als ein Motiv: Entscheidungen, Risiken, Haltungen und eine Form urbaner Kommunikation, die sich nicht erklärt, aber viel erzählt.
Papageien stehen für Wildheit. Sie sind intelligent, laut, perfekt angepasst und dennoch unberechenbar. Seit Jahrzehnten gehören sie zum Kölner Stadtbild. Als Bild für die Graffiti-Kultur könnten sie kaum passender sein.
Wer Köln verstehen will, kommt an solchen Zeichen nicht vorbei. Manchmal reicht es nicht, nur hinzuschauen. Manchmal lohnt es sich, stehenzubleiben, zuzuhören und Zusammenhänge zu erkennen: auf der Straße, im Veedel, im Gespräch. Genau dort beginnt ein tieferes Verständnis urbaner Kultur.
Auf unseren geführten Streetart- und Graffiti-Rundgängen durch Köln und Bonn geht es deshalb nicht um schnelle Erklärungen, sondern um Kontext, Perspektiven und das Lesen einer Stadt und des öffentlichen Raumes, der sich dynamisch verändert. Oft dort, wo man es nicht sofort erwartet.
Papageien-Graffito in Köln, Copyright: Michael Johne (Cologne Streetart Tours)
Hinweis:
Dieser Beitrag entstand im direkten Austausch mit Akteur:innen der Kölner Graffiti- und Streetart-Szene. Unser Anspruch bei Cologne Streetart Tours ist es, urbane Kultur nicht zu vereinfachen oder zu vereinnahmen, sondern sie aus ihrer Praxis heraus sichtbar zu machen. Aus Gründen des Persönlichkeits- und Quellenschutzes wurden Namen geändert und konkrete Orts- oder Zeitangaben bewusst ausgelassen. Der Beitrag versteht sich als fachliche Einordnung urbaner Ausdrucksformen und nicht als Aufforderung zu illegalem Handeln.

